Apfelgeschichten

Manchmal kommt man zu einem Projekt wie die Jungfrau zum Kind. Hier war ein Ausstellungsangebot und ich hatte nichts außer einer vagen Idee. Die funktionierte dann nicht, da das Zeitfenster eng war und outdoor hätte sein müssen, das Wetter aber übelst dagegen schoss.

Also gab es Plan B und ein paar Äpfel. Und da das zu leer erschien, fanden sich Two-Sentence-Apple-Storys. Und das ging so.

1
Sie nahm den Apfel und betrachtete ihn nachdenklich von allen Seiten. Wer hätte gedacht, dass die Hexe sich die falsche Hälfte nimmt.
2
Die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, versuchte sie, den glitschigen Apfel aus dem Wasserfass mit den Zähnen zu greifen. Lautes Johlen feuerte den an, der ihren Kopf immer weiter hinunter drückte.
3
Es knackte im Kamin und im Zimmer breitete sich der Geruch von zimtigen Bratäpfeln aus. Er hatte die Vorweihnachtszeit eh nicht gemocht, dachte sie und wischte das Messer ab.
4
Es geht nichts über eine gute Klinge, sagte er. Den Apfel schnitt sie wie durch Leiber.
5
Nachdenklich betrachtete sie sich im Spiegel. Wie kam der Apfel in ihre Hand?
6
Der Apfelbaum hinter dem Haus sollte gefällt werden. Die Äpfel feierten die Axt im Gärtner.
7
An einem sonnigen Augustmorgen begann sie, die ersten Äpfel zu pflücken. Ich bin noch nicht reif, flüsterte der erste und blieb ihr im Hals stecken.
8
Auf dem Markt glänzten die Äpfel mit den Wangen der Bäuerin um die Wette. Wer hätte vermutet, dass sie den Bauern darunter verbarg.
9
Das Haus verfiel, doch der Baum gedieh. Er wurde gut gedüngt.
10
Für den Weihnachtsmann stellte sie ein Glas Milch hin und legte einen roten Apfel auf das Fensterbrett. Der Wurm im Inneren verdarb ihr die Bescherung.

11
Fahl leuchtete das Mondlicht durch die verschmutzten Fenster. Aus einem Wandschrank rollte ein roter Apfel bis kurz vor ihre Füße.
12
Fleißig drehten ihre kräftigen Hände die flotte Lotte. Das lauwarme Apfelmus tropfte über die Tischkante und verband sich marmorierend mit dem kalten Blut auf dem gekachelten Küchenfußboden.
13
Die Kinder folgten den ausgelegten Äpfeln bis tief in den Wald. Wo sie verschwanden, wuchs ein neuer Baum.
14
Zwischen den Apfelbäumen fand sie einen goldenen Ring. Sie streifte ihn über ihren Finger und spürte, wie ihre Füße mit dem Boden verwuchsen.
15
Jeden Tag polierte er die grünen Äpfel, bevor er sie sorgfältig im Schaufenster zu einer Pyramide stapelte. Das Kind schrie, als ein Auge es aus den Zwischenräumen heraus fixierte.
16
Der gepeinigte Schüler legte einen Apfel auf das Pult des Lehrers, der verdutzt aufschaute und ihn dann verscheuchte. Das Gift wirkte erst, als er allein zu Hause war.
17
Der Apfelkuchen auf dem Tisch verströmte einen betörenden Duft nach Zimt und Herbstsonne. Die Lost Place Fotografin aß ein Stück, obwohl sie wusste, dass das Haus seit Jahrzehnten leer stand.
18
Sie erwachte schweißüberströmt. Als sie im Badezimmer ihr Gesicht wusch, sah sie, dass sie einen Apfel auf ihren Schultern trug.
19
Der Gärtner schnitt sorgfältig die überzähligen Triebe aus dem alten Apfelbaum heraus. Als er das Holz einsammeln wollte, sah er, dass es vertrocknete Hände waren.
20
Die Kellertür war verschlossen und sie hatte einen Schrank davorgeschoben. Doch immer noch hörte sie das Kratzen der abgeschnittenen Äste des alten Apfelbaumes von der anderen Seite der Tür.

21
Der Kater fand den weggekullerten Apfel unter dem Wohnzimmerschrank. Als sie stolperte, glaubte sie, ein triumphierendes Glitzern in seinen Augen zu sehen.
22
Jeden Morgen legte er ihr einen frischen Apfel auf die Stufe vor ihrer Haustür. Nachdem sie ihn in ihr Leben gelassen hatte, fand man genau dort ihren Kopf.
23
Er wanderte Jahrzehnte lang durch das Land und klaute Äpfel. Als er starb, konnte man seine Wege an den blühenden Apfelbäumen verfolgen.
24
Als sie viel zu früh starb, pflanzte er einen Apfelbaum auf ihr Grab. Seitdem besucht sie ihn zur Erntezeit.
25
Die Bewohner der kleinen Stadt verschwanden alle in einer Nacht. An ihrer Stelle lagen lauter rotwangige Äpfel.
26
Sie fuhr das Auto langsam in die Auffahrt und nahm die Tüte mit Äpfeln vom Rücksitz. Den unverschämten Verkäufer ließ sie im Kofferraum.
27
Die alte Frau schnitt die Äpfel in feine Spalten und dekorierte sie sorgfältig auf dem kleinen Teller. Der falsche Enkel aß die dazwischen drapierten Rasierklingen einfach mit.
28
Sie reicht dem kleinen Elefanten Apfel um Apfel, der sie genüsslich verspeist. In einigen Jahren wird er ihr Leben retten.
29
Die schwarze Katze strich laut miauend um ihre Füße. So sah sie den Apfel auf der obersten Kellertreppenstufe noch rechtzeitig.
30
Er kam in der Nacht, um die Äpfel des Nachbarn zu stehlen. Am nächsten Morgen fand man nur seinen Körper unter dem Baum, der Kopf hing als Apfel in den Zweigen.

31
Für seine Liebste klebte er Herzen auf jeden Apfel in seinem Baum. Als sie ging, zerbrachen sie.
32
Für sie war der Himmel ein Korb voller Äpfel. Er legte ihr einen in die Hände, als sie starb.
33
Der Sturm riss ihr die Papiertüte aus der Hand und ließ die Äpfel über den Bordstein kullern. Als er sich zu ihr hockte, um ihr zu helfen, wusste sie, dass sie ihn endlich gefunden hatte.
34
Adam hatte eine Apfelallergie. Er blieb – erkenntnislos.
35
Goldmarie erntete die Äpfel, wie ihr aufgetragen war. Als sie den letzten aus den oberen Zweigen angelte, verlor sie das Gleichgewicht und brach sich den Hals.
36
Goldbraun buk der Apfelpfannkuchen in der alten gusseisernen Pfanne. Er kratzte den Rest Zimt, den er aus seinem allerletzten Urlaub mitgebracht hatte, zusammen und schwelgte versonnen in Erinnerungen.
37
Zur Erntezeit kletterte der Hundertjährige aus dem Fenster des Pflegeheims. Noch einmal wollte er einen Apfel aus seinem Garten essen.
38
Als der Apfel vom Baum fiel, traf er Isaac unglücklich und tötete ihn. Seitdem gibt es keine Schwerkraft mehr.
39
Als der Nebel kam, leuchtete der letzte Winterapfel an dem alten Baum. Der Wanderer folgte dem vermeintlichen Leuchtturm in sein Verderben.
40
Er liebte es, mit Obst zu kochen. Das Herz seiner Nachbarin schmorte er mit Boskop und einem leichten Chianti.

41
Im Apfelgarten erzählte er ihr das Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen. Sie erstach ihre Stiefmutter in der folgenden Nacht.
42
Er brachte ihr jedes Jahr zur Erntezeit einen Eimer mit Äpfeln vorbei. Beim letzten Mal nahm er ihr Herz mit.
43
Der Nachbar hatte ihren Apfelbaum vergiftet. Sie spendierte ihm eine Portion Round-Up im Versöhnungskaffee.
44
Die Spinne wob ihr Netz in den herbstfeuchten Zweigen. Als er hindurchgriff, um den letzten Apfel zu pflücken, biss sie zu.
45
Der wahnsinnige Arzt ersetzte ihr Herz durch einen Apfel. Es schlug golden Delicious.
46
Der König saß verdutzt auf seinem Thron. Der Narr hatte von seinem Reichsapfel abgebissen.
47
Sie kochte nach Farben und wählte Grün für den Donnerstag. Er beschloss, ab Freitag in der Kantine zu essen, um Kombinationen wie Granny Smith und Brokkoli zu umgehen.
48
Sie kaufte das alte Haus und renovierte es vollständig. Doch der Geruch nach faulen Äpfeln verschwand nie.
49
Der Professor verlangte ein Stillleben mit Obst von der Kunstklasse. Sie arrangierte ihn mit einem Apfel im Mund für ihr Meisterstück.
50
Sie kaufte auf der Kirmes einen kandierten Apfel. Als ihre Zähne durch die rote zuckrige Schale brachen, erinnerte sie der Backenzahn an den überfälligen Zahnarztbesuch.

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